Friday, 1. July 2011
New Yorker Gericht setzt Diskriminierung eines schwulen Bibliothekars ein Ende
Der damals 55-jährige Pädagoge und Bibliothekar Chistopher Asch hatte bereits über 20 Jahren Berufserfahrung im Schulbereich und arbeitete seit 2002 zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten in der Bibliothek der renommierten Stuyvesant High School, als die Schulbehörde 2008 ein Verfahren gegen ihn einleitete. Es wurde ihm erstens vorgeworfen, dass er für einen Schulausflug nach Boston nicht rechtzeitig die Zustimmung der Eltern eingeholt hatte und zweitens, - schwerwiegender - dass einige Schüler sich beschwert hatten, er hätte sie in der Bibliothek "in unpassender Weise berührt". Nach einer Untersuchung einer Sonderkommission der Schulbehörde (der Bericht ist noch online) wurde Strafanzeige gegen Asch eingelegt, sein Name stand in der Zeitung. Die Staatsanwaltschaft fand keinen Grund zur Anklage, aber die Schulbehörde suchte nun nach einem Grund, Asch (der in einem unkündbaren Dienstverhältnis war) zu entlassen und versetzte ihn auf Verfahrensdauer in das sogenannte "Gummizimmer." [1]
Es kam zu einem dienstrechtlich vorgeschriebenen Schiedsgerichtsverfahren, in dessen Verlauf im Zeitraum November 2009 bis Jänner 2010 insgesamt 12 Hearings stattfanden. Was den Schulausflug betraf, stellte Schiedsrichter David Hyland fest, dass Asch in letzter Minute für einen Elternteil eingesprungen war, der die Gruppe begleiten hätte sollen. Trotzdem hätte ihn die Verpflichtung getroffen, sich um die Zustimmungen der Eltern zu kümmern, fand der Schiedsrichter.
Die Sache mit den Berührungen war komplizierter: Die Untersuchung ergab, dass es in der Bibliothek üblich war, die Bibliotheksbenutzer_innen nicht anzusprechen, sondern zu berühren, um die in der Bibliothek nötige Stille zu bewahren. Insbesondere ist aktenkundig, dass eine heterosexuelle Bibliothekarin genau so vorgegangen war. Der Schiedsrichter stellte fest, dass keine der Asch vorgeworfenen Berührungen sexueller Natur war, fand sie aber dennoch "unpassend". Er folgte daher nicht der Forderung des Arbeitgebers, Asch zu entlassen, aber er stellte ihn 6 Monate ohne Bezüge dienstfrei und schrieb ihm vor, dass er eine Schulung oder Beratung besuchen müsse, um zu lernen, wie er sich professionell verhalten kann und welche Grenzen er gegenüber Schülern und Schülerinnen einhalten muss. Auf den Einwand von Asch, dass es sich bei den Beschwerden um ein Komplott von homophoben Studenten gegen ihn handelte, ging der Schiedsrichter nicht ein.
Asch erhob gegen die Schiedsentscheidung Rechtsmittel vor dem zuständigen Gericht und erhielt Recht. Richter Manuel J. Mendez fand die Antidiskriminierungsbestimmungen des im Staat New York geltenden Human Rights Law verletzt, da das Schiedsgericht dem Antragsteller, einem offen schwulen Mann, Verhaltensweisen vorwarf, die sich in nichts von denen seiner heterosexuellen Kolleg_innen unterschieden und die in "Berühren, Flüstern und ruhig neben einem Studenten oder einer Studentin Stehen" bestanden. Auch wenn Schiedsrichter Hyland nicht die Absicht hatte, Asch zu diskriminieren, so hatte seine Entscheidung doch diesen Effekt, fand der Richter und zeigte, wie in dem Schiedsverfahren Verhaltensweisen, die bei heterosexuellen Menschen als völlig harmlos und unbedeutend gelten, nur wegen der sexuellen Orientierung Aschs plötzlich problematisiert wurden.
Obwohl ein Gericht ein Schiedsurteil normalerweise nur aufheben, aber nicht in der Sache entscheiden darf, machte Mendez hier eine Ausnahme, denn er fand das Schiedsurteil schockierend und jedem Gerechtigkeitsgefühl widersprechend. In Anbetracht einer 20-jährigen Berufslaufbahn ohne irgendeine Beschwerde steht ein Gehaltsverlust im Umfang von sechs Monaten zu den Asch vorgeworfenen Verhaltensweisen in keinem Verhältnis, schrieb der Richter. Asch musste sich gegen den Vorwurf krimineller Handlungen verteidigen und wurde in der Presse als "Perverser" bezeichnet. Es schockiert, dass dem Bibliothekar der Besuch von Schulungen zum Erlernen angemessener professioneller und physischer Grenzen vorgeschrieben wurden, wenn Berühren und Flüstern in der Bibliothek als aktzeptable Praxis angesehen wurden und er dabei genauso vorging wie eine nicht belangte heterosexuelle Kollegin. Nach den im Akt vorliegenden Beweismitteln sei Asch bei seinen Berührungen sogar besonders rücksichtsvoll gewesen.
Einen Versuch der Schulbehörde, das Rechtsmittel des unvertretenen Antragstellers wegen eines Formfehlers abzuschmettern, wies der Richter ab. Die Schulbehörde hat aber noch die Möglichkeit, gegen die Entscheidung Berufung einzulegen. Quelle: Leonard Lawlink vom 30. Juni 2011
Aus einem Blogbeitrag von einer Mutter zweier Schüler_innen der Styvesant High School, die außerdem im Elternbeirat aktiv ist, geht hervor, dass es sich bei den seinerzeitigen Beschwerden wegen "unpassenden Verhaltens" tatsächlich um einen Racheakt oder zumindest sehr üblen Scherz eines Schülers handeln dürfte, der mit Autorität generell Probleme hatte und sich Asch als "Opfer" ausgesucht hatte. Außerdem hatte Asch sich erfolgreich gegen Einsparungen bei der Bibliothek widersetzt und sich damit bei der Schulleitung nicht besonders beliebt gemacht.
[1] Das ist eine Einrichtung, in der dienstfrei gestellte Beamte ihre Tage verbringen müssen, weil sie nicht gekündigt werden können. http://en.wikipedia.org/wiki/Reassignment_centers http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=126055157
Die Entscheidung: Asch v. New York City Board of Education, 108528/10, NYLJ 1202498891395 (N.Y. Supreme Court, N.Y. County); publiziert im New York Law Journal vom 30. Juni 2011.
Links: http://newyorklawschool.typepad.com/leonardlink/2011/06/ny-court-overturns-suspension-of-openly-gay-high-school-librarian.html
http://www.law.com/jsp/nylj/CaseDecisionNY.jsp?id=1202498891395 (Text der Entscheidung; Registrierung erforderlich)
http://nycrubberroomreporter.blogspot.com/2011/06/chris-asch-former-librarian-at.html (In diesem Blogbeitrag ist die Entscheidung im Volltext abgedruckt und es werden einige Informationen zur Vorgeschichte geliefert.)
http://www.nycsci.org/reports/06-09%20Christopher%20Asch%20Ltr.pdf (Das Ergebnis der Untersuchung der Sonderkommission 2008)
Einige der Zeitungsmeldungen, die 2009 über die "Affäre" erschienen sind:
http://www.nypost.com/p/news/regional/manhattan/item_KkxnRKwtWb6NSi55NIyWlM
http://www.nydailynews.com/news/ny_crime/2009/06/11/2009-06-11_stuyvesant_high_school_librarian_charged_with_molesting_male_students.html
http://www.nytimes.com/2009/06/12/nyregion/12stuyvesant.html
http://www.ny1.com/content/news_beats/education/100613/stuyvesant-teacher-charged-with-molesting-students/
http://cityroom.blogs.nytimes.com/2009/06/11/stuyvesant-librarian-accused-of-sexual-abuse/
http://stuyspectator.com/2008/04/07/asch-under-investigation/
Anmerkung: Da die Entscheidung erst gestern veröffentlicht wurde, werden in den nächsten Tagen noch einige Berichte und Kommentare erscheinen. Ich werde die Links ergänzen.
http://www.nypost.com/p/news/local/manhattan/judge_vindicates_gay_stuy_hs_librarian_OBCetr37BIDFwJePfwwM0K#ixzz1Ql4oVgPm
http://edlawfaqs.wordpress.com/2011/07/01/does-an-arbitrators-ruling-in-a-3020-a-which-suspends-a-librarian-for-inappropriately-touching-students-and-taking-an-unauthorized-trip-shock-the-conscience/
http://gothamist.com/2011/06/30/school_librarians_are_allowed_to_to.php
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