Trotz eines Verbots durch die Moskauer Behörden gab es am Samstag wieder eine - sehr kurze - Regenbogendemonstration in der Moskauer Innenstadt. Der genaue Ort stand bis kurz vor Beginn nicht fest, da die Organisator_innen sowohl die Gegendemonstranten wie die Polizei austricksen wollten. Schließlich entfalteten zwei junge Frauen auf dem Alexandrowski-Platz eine Regenbogenfahne. Ein - anscheinend spontaner - Gegendemonstrant schrie "Nieder mit Sodom!" Die Demonstrant_innen konnten ihre Parolen nur kurz rufen, bevor sie einerseits vib Neonazis angegriffen wurden und andererseits die Polizei - zum Teil mit unnötiger Gewalt - begann, Aktivist_innen zu verhaften. Unter den Verhafteten waren auch ausländische Gäste, darunter IDAHO-Gründer Georges Tin und die US-Aktivisten Dan Choi und Andy Thayer. Alle Verhafteten sind inzwischen wieder frei.
Der britische Aktivist Peter Tatchell hatte den Eindruck, dass die Moskauer Polizei mit den Neonazis, die sich im Stadtzentrum versammelt hatten, um die Pride Parade zu stören, zusammenarbeitete. Er vermutet sogar, dass sich einige Polizisten in Zivilkleidung unter die Neonazis gemischt hatten, um die versammelten Schwulen und Lesben so zu verprügeln, wie sie es im Dienst nicht dürften. Gegenüber der Presse sagte Tatchell: "Das Verbot der Parade ist besonders schockierend, da die Moskauer im Zweiten Weltkrieg sich gegen die Nazis gestellt hatten, die Juden, Homosexuelle und Kommunisten ausrotten wollten, und nun kollaboriert der Moskauer Bürgermeister mit Neo-Nazis." Die Parade war, nachdem es zunächst Meldungegen gegeben hatte, dass eine Bewilligung erteilt worden war, von den Behörden "aus Sicherheitsgründen" untersagt worden. Im Vorjahr ist Russland wegen des Verbots der Pride-Paraden in den vergangenen Jahren vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt worden.
In den Videos von der kurzen Parade sind zahlreiche Wortspenden von Passant_innen und auch Diskussionen zwischen Passant_innen und Aktivist_innen zu hören. Sie zeigen vor allem, dass das Verständnis für Schwule und Lesben in der Bevölkerung nicht sehr groß ist (freundlich ausgedrückt). Da homosexuelle Kontakte in Russland bis 1993 strafbar waren und Sexualität lange Zeit ein Tabuthema war (und zum Teil noch ist), ist das nicht allzu verwunderlich.
Links: http://www.ukgaynews.org.uk/Archive/11/May/Moscow%20Gay%20Pride%20Blog.htm Live Blog von UK Gay News
http://www.queer.de/detail.php?article_id=14309 Live Blog aus Moskau von Norbert Blech (intermittierend, da er zeitweise mit Party- und Wodkafolgen kämpfte)
http://samstagisteingutertag.wordpress.com/2011/05/28/brutally-arrested-demonstranten-in-moskau-verhaftet/ Live Blog Zusammenfassung auf Deutsch
http://www.gay.ru/news/rainbow/2011/05/28-20907.htm 3 Videos (Russisch)
http://joemygod.blogspot.com/2011/05/more-video-from-moscow-pride-protest.html Video (Russisch), mit Übersetzung im Diskussionsthread
http://ukgaynews.org.uk/Archive/11/May/2801.htm Zahlreiche Fotos von der kurzen Parade
http://www.gayrussia.eu/en/russia/1700/
http://themoscownews.com/local/20110527/188701890.html
In den internationalen Medien:
http://www.voanews.com/english/news/usa/Dozens-Detained-at-Gay-Rally-in-Moscow-122796049.html
http://www.nytimes.com/2011/05/29/world/europe/29russia.html
http://news.yahoo.com/s/afp/20110528/wl_afp/russiarightsgaydemo_20110528100004
Der Text und eine kritische Analsyse dazu finden sich unter http://gay.americablog.com/2011/05/state-department-issues-statement-about.html
Dan Choi hat via Twitter regagiert: http://www.pamshouseblend.com/diary/19348/us-department-of-state-releases-statement-about-freedom-of-assembly-in-russia