Saturday, 21. February 2009
Offen gespielt - Homosexualität im Fußball
Umso wichtiger ist es, doch darüber zu sprechen. Auf dem Podium im übervoll besetzten Veranstaltungssaal der Hauptbücherei am Gürtel diskutierten Ronny Blaschke, deutscher Sportjournalist und Autor des Buches Versteckspieler, Tanja Walther-Ahrens, Ex-Spielerin von Turbine Potsdam, Vertreterin der Gay and Lesbian Sport Federation, Marco Perez, Mittelfeldspieler beim Wiener Sportklub und Marco Schreuder, Gemeinderat und Landtagsabgeordneter der Grünen Wien, es moderierte Elisabeth Auer (ATV). In Anbetracht der oben erwähnten Absagen lautete die erste Frage an Marco Perez, wie es denn für ihn ist, an dieser Diskussion teilzunehmen. Die Antwort: Er hat damit kein Problem, man kann über alles diskutieren. Er kennt persönlich keinen homosexuellen Fußballer, daher ist er daran interessiert, heute darüber zu diskutieren.
Ronny Blaschke, auf sein Buch und den Umgang mit Homosexualität im Fußball angesprochen, meinte, durch die Geschichte Marcus Urbans habe das Problem einen Namen bekommen, vorher war Homosuexualität im Fußball nur Spekulation.
Immer wieder wurde diskutiert, ob ein Outing eines oder mehrerer Profifußballer sinnvoll wäre, wie es ihm im Verein und in der Öffentlichkeit danach gehen würde. Marco Perez meinte, dies hänge vor allem vom Verein ab, am wichtigsten wäre die Akzeptanz des Vereins und die Akzeptanz von Mannschaft und Trainer. Wie Fans und Medien reagieren, ist schwer vorhersehbar, aber Verein, Mannschaft und Trainer sind wichtiger. Blaschke und Walther-Ahrens waren sich einige, dass ein Outing eines prominenten Spielers zwar Medienaufmerksamkeit erlangen, aber die Homophobie im Männerfußball nicht verringern würde. Es muss sich ja nicht der einzelne schwule Spieler ändern, sondern seine Umgebung. Es geht nicht darum, schwule Aushängeschilder zu haben, sondern darum, dass schwule Spieler nicht mehr Versteck spielen müssen, dass sie sich keine Scheinfreundin zulegen müssen, sondern mit ihrem Freund zur Weihnachtsfeier gehen können. Auch Marco Schreuder ist sich nicht sicher, ob ein Outing sinnvoll ist. Marco Perez fände es "irgendwie schon gut, wenn sich einer outen würde".
Auf dem Fußballplatz muss Homosexualität kein Thema sein, man geht hin, um guten Fußball zu sehen oder um gut Fußball zu spielen und zu gewinnen, aber durch die homophoben Gesänge und Schimpfwörter wird sie zum Thema gemacht. Internationale, nationale und vereinzelt auch vereinsinterne Regeln verbieten rassistische und homophobe Beschimpfungen auf Fußballplätzen, hinsichtlich Rassismus wird schon einiges gemacht und wurden auch erste Verbesserungen erreicht, hinsichtlich Homophobie noch recht wenig. Regelverstöße werden kaum sanktioniert. Laut Blaschke gibt es in Deutschland vielfach eine Rangordnung der verpönten Beschimpfungen: 'schwarze Sau' ist inakzeptabel, 'schwule Sau' wird von vielen als weniger schlimm angesehen. In Wahrheit gibt es auch in der Wirtschaft und in den Medien kaum Geoutete, der Profifußball ist in dieser Hinsicht also keine Ausnahme. In Deutschland haben die les-bi-schwulen Aktivist_innen in DFB-Präsident Theo Zwanziger einen wichtigen Kooperationspartner gefunden, auf Vereins- und Trainerebene fehlt aber vielfach noch jedes Verständnis, wie nicht zuletzt eine Äußerung Christoph Daums beweist, der in einer Fernsehdokumentation 2008 Schwule mit Kinderschändern in Verbindung brachte. In Österreich gibt es von Seiten des ÖFB oder der großen Vereine noch keinerlei Aktivitäten zur Bekämpfung der Homophobie auf den Fußballplätzen. Eine rühmliche Ausnahme stellt hier der Wiener Sportklub dar, der die Bekämpfung von Diskriminierung in seine Statuten aufgenommen hat und auch im Vereinsmagazin immer wieder darauf Bezug nimmt, dass jede Form von Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft, des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung unerwünscht ist.
Warum ist die Homophobie im Männerfußball so schlimm? Warum ist sie schlimmer als im Frauenfußball und schlimmer als im Rest der Gesellschaft? Hinsichtlich der Unterschiede zum Frauenfußball wies Tanja Walther-Ahrens darauf hin, dass Frauenfußball einfach viel weniger mediales Interesse erweckt, ebenso weniger Interesse bei Publikum und Sponsoren, daher würde hier das Outing einer Top-Spielerin vielleicht ein paar Tage lang für Schlagzeilen sorgen, bei einem männlichen Spitzenfußballer hingegen wochenlang. Außerdem gilt Fußball als sehr "männlicher" Sport, wer schlecht Fußball spielt, wird als "Mädchen" oder als "Schwuchtel" bezeichnet. Wenn eine Frau gut Fußball spielen kann und das auch noch gerne tut, gilt sie automatisch als Lesbe. Es geht hier weniger um die sexuelle Orientierung als um Geschlechterklischees.
Im Publikum wurde vermutet, dass es daran liegt, dass im Fußballpublikum ungebildete und benachteiligte Personen überproportional vertreten sind, dem widersprachen mehrere Podiumsmitglieder: Homophobie oder Rassismus sind kein Problem einer bestimmten sozialen Schicht, sie kommen in allen Schichten vor. Marco Schreuder wies darauf hin, dass es an den Machtstrukturen liegt: die Bundesligapräsidenten und Sponsoren sind mächtige heterosexuelle Männer mit ihren Netzwerken.
Warum ist es wichtig, Homophobie im Fußball zu bekämpfen? Fußball ist ein wichtiges Medium, weil es so öffentlichkeitswirksam ist. Wenn es gelingt, Homophobie im Fußball zu bekämpfen, hat das Auswirkungen auf die Gesellschaft. Fußball ist ein Brennglas der Gesellschaft.
In Deutschland gibt es les-bi-schwule Fanclubs, die gemeinsam zu Matches gehen und für Sichtbarkeit und Aufklärungsarbeit und auch für Sicherheit sorgen. Wie sieht es damit in Österreich aus? Hier gibt es bisher noch keine solchen Fanclubs, aber laut Marco Schreuder ist einer im Entstehen.
Links: http://www.tipp3fan.tv/fanTV/index.php?pageID=110&skinID=&featureID=1548
http://www.buechereien.wien.at/de/standorteoeffnungszeiten/hauptbuecherei
http://ronnyblaschke.de/2008/10/neues-buch-versteckspieler/
http://www.gay-books.de/catalog/product_info.php?products_id=94014
http://www.eglsf.info/eglsf-about-german.php
http://www.wienersportklub.at
http://www.marco-schreuder.at
http://www.come-together-cup.de/
http://www.tagesspiegel.de/sport/Fankultur-Fussball-schwul;art272,2622661
http://www.amballbleiben.net/html/news/2009/200902/20090213.html
http://www.ballesterer.at/index.php?art_id=1165®ister=true
http://www.club2x11.at
http://diestandard.at/?url=/?id=1234507658686
Zum Weiterlesen http://www.ballesterer.at/index.php?art_id=2&cat_id=31 Ballesterer fm ist im gut sortierten Zeitschriftenhandel oder im Abo erhältlich (http://www.ballesterer.at/index.php?art_id=3)
Das Buch Versteckspieler ist u.a. in der Buchhandlung Löwenherz lagernd.
Für aktive Spielerinnen und solche, die es noch werden wollen: http://www.aufschlag.org/fussball.php
und noch mehr Sportarten unter http://queersport.org/pages/ld.html


