Künstliche Aufregung um eine Lehrerin an einer Wiener HTL produzierten Ende voriger Woche Kurier, "Österreich" und der Elternvereinsobmann. Der transidente Walter S. hat seit vielen Jahren in der Spengergasse unterrichtet. Gegen Schulschluss kündigte er in einem Brief an die rund 160 Kolleg_innen an, dass seine medizinische Geschlechtsanpassung soweit fortgeschritten sei, dass er ab Herbst als Frau unterrichten werde. Jetzt, kurz vor Schulbeginn, stellten sich einige Eltern und der Elternvereinsobmann plötzlich quer und wollten, dass Andrea S. dienstfrei gestellt werde, denn "Ich will nicht, dass mein Sohn von einem Mann in Frauenkleidern unterrichtet wird", wie eine Mutter dem Kurier gegenüber erklärte. Dass ihr Sohn bisher von einer Frau in Männerkleidung unterrichtet wurde, war ihr offenbar nicht bewusst.
oe24 titelte am Freitag "Transsexueller Lehrer darf unterrichten", der Kurier "Aufregung um einen transsexuellen Lehrer", auch in ORF.at war von "Aufregung über transsexuellen HTL-Lehrer" zu lesen. Die vom Kurier befragte Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger erklärte in schönstem Gutachtenkauderwelsch: "Diese Konfrontation ist eine tief greifende basische Identitätsfragestellung, sie ist verwirrend, kann aber auch traumatisierend wirken" und forderte professionelle Begleitung, wobei unklar blieb, wer wen begleiten sollte. Elternvereinsobmann Doubek meinte laut Samstagkurier gar, dass eine höhere technische Lehranstalt "ja nicht die Löwingerbühne" sei. Er habe aber "nichts gegen die Person des Lehrers", erklärte er dem Kurier.
Ob er seine Forderung nach Dienstfreistellung von Andrea S. und "begleitender psychologischer Betreuung" mit den übrigen Elternvertreter_innen abgesprochen hat, ist unklar.
Erfreulich sachlich reagierte man im Unterrichtsministerium und erklärte, dass Andrea S. den Dienst zu Schulbeginn aufnehmen könne. Die Voraussetzungen sind gegeben", denn für das Ministerium zähle die Qualifikation. Ferner habe in der Schule "Ausgrenzung und Diskriminierung keinen Platz". Dies würdigten auch die Transgenderbeauftragte der SoHo, Angelika Frasl und ihre Kollegin Sarah-Michelle Fuchs. Die Reaktion des Ministeriums sei ein wichtiges wichtiges Zeichen im Hinblick auf die Akzeptanz und Anerkennung von Transgenderpersonen am Arbeitsmarkt ist, an der sich jeder Arbeitgeber ein Beispiel nehmen sollte, so Frasl.
Erfreulich gelassen und verständnisvoll klingen übrigens auch die meisten Postings der Leser und Leserinnen in Kurier, oe24 und ORF.at. Sie beweisen viel mehr Ahnung von unterschiedlichen Lebensrealitäten und vom Aufklärungsstand der 14- bis 19-Jährigen als einige der befragten Expert_innen. Auch das Zwischenergebnis der "Kurier-Umfrage" spricht trotz leicht tendenziöser Fragestellung ("Sollen transsexuelle Lehrer unterrichten dürfen?", "Ja, wenn sie gute Pädagogen sind", "Nein, das ist nicht gut für die Kinder", "Ist mir egal") dafür, dass die Leserinnen und Leser mehrheitlich kein Problem mit der Geschlechtsidentität eines Mitmenschen haben.
Links: http://kurier.at/nachrichten/wien/2026849.php
http://www.oe24.at/oesterreich/politik/Transsexueller-Lehrer-darf-unterrichten-0763631.ece
http://wien.orf.at/stories/465683/
http://kurier.at/interaktiv/abstimmungen/2026838.php
http://www.ggg.at/index.php?id=62&tx_ttnews[tt_news]=3431&cHash=04dfd29a21f42dd9f17f45fffc2933f6
http://www.ots.at/presseaussendung.php?mabo=1&schluessel=OTS_20100829_OTS0002
http://kurier.at/nachrichten/wien/2027264.php (Elternverein)
http://kurier.at/nachrichten/2027379.php (Homestory)
http://kurier.at/nachrichten/2027586.php (Direktor)
http://kurier.at/nachrichten/2027582.php ("Happy End")
http://www.oe24.at/oesterreich/politik/Transsexuelle-Lehrerin-erhaelt-Unterstuetzung---HTL-Spengergasse-Wien-0764411.ece