
Zwei interessante Statistiken wurden in den letzten Tagen in britischen und us-amerikanischen Blogs veröffentlicht. Sie zeigen, wie die Religionszugehörigkeit der Bevölkerung sich im Laufe des Lebens verändert. In den USA wechselt jede/r zweite im Laufe des Lebens die Religionszugehörigkeit, manche tun dies auch öfter als nur einmal.
In Großbritannien bleiben die Menschen entweder bei der Religion ihrer
Kindheit oder sie treten aus - ein Wechsel zu einer anderen
Religionsgemeinschaft ist selten. Die größte Gruppe (über 40 %) ist in
Großbritannien die ohne religioses Bekenntnis, in den USA sind das nur 16 %. Obwohl auch in den USA
der Anteil derjenigen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören
steigt, gibt es auch eine statistisch relevante Gruppe von Personen,
die nicht religiös aufwuchsen, aber später einer Religionsgemeinschaft
beitraten.
Über die Gründe wird in den Blogs spekuliert - offenbar ist in den USA der gesellschaftliche Druck, sich religiös zu geben, nach wie vor groß. Andererseits wird die Religionszugehörigkeit in den USA nicht als etwas "Gottgegebenes" angesehen. Wenn man mit den Lehren einer Religionsgemeinschaft nicht einverstanden ist, sucht man sich eine andere.
Ähnliche Statistiken für Österreich habe ich nicht gefunden. Den einzigen Anhaltspunkt bietet die Übersicht in der Wikipedia, die allerdings nur den Anteil der Bekenntnisse an der Gesamtbevölkerung zeigt und nicht die individuellen Bewegungen im Laufe des Lebens der Menschen. Während Anfang der 1950er Jahre noch fast 90 % der österreichischen Bevölkerung römisch-katholisch waren, sind es heute nur mehr zwei Drittel. Gewachsen ist der Anteil der Muslime (0,3 auf 4,2 %) und der konfessionslosen (3,8 % auf 12 %), wobei hier die jüngsten Zahlen von der Volkszählung 2001 stammen.
Meiner Meinung nach signifikant ist auch die Tatsache, dass man Zahlen über die Religionszugehörigkeit der Österreicher_innen gar nicht so leicht findet, offenbar, da Religion hierzulande als etwas Privates angesehen wird, über das man nicht spricht. Ganz anders verhält sich das in den USA, wo nicht nur laufend statistische Erhebungen über religiöse Einstellungen gemacht werden, sondern auch Politiker_innen - trotz Trennung von Kirche und Staat - häufig religiöse Argumente verwenden.
Nicht zuletzt werden religiöse Argumente oft auch im Zusammenhang mit der Forderung nach Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben und mit anderen Rechten sexueller Minderheiten verwendet. Was mich dabei immer wieder verblüfft, ist, dass die religiösen Gruppen Lesben und Schwulen dabei den verfassungsrechtlichen Schutz mit dem Argument absprechen, dass die sexuelle Orientierung (anders als zB Rasse oder Geschlecht) nicht angeboren und unveränderlich sei, aber dabei übersehen, dass die Religion ebenfalls Verfassungsschutz genießt, obwohl sie im Fall der USA keineswegs unveränderlich ist.
Die Grafiken stammen von Michael Bell, Internetmonk.com und Siobhan McAndrew, British Religion in Numbers (www.brin.ac.uk) und sind auf den betreffenden Websites auch in größerer Ausführung zu finden, die den Grafiken zugrundeliegenden Zahlen von einer Erhebung mit dem Titel Faith in Flux: Changes in Religious Affiliation in the U.S. des Pew Forum und aus dem Sozial Attitudes Survey 2008 in Großbritannien.
Links: http://www.internetmonk.com/archive/michael-bell-looking-at-the-pew-forums-changes-in-religious-affliliation-data
http://pewforum.org/newassets/images/reports/flux/fullreport.pdf
http://www.brin.ac.uk/news/?p=459
http://www.brin.ac.uk/figures/documents/ReligionByRelofUpbringing_000.xls
http://www/brin.ac.uk/figures
http://www.secularnewsdaily.com/2010/08/15/religion-switching-in-the-uk-and-usa/
http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sterreich#Religion