Jerusalem - Rund zwei- bis dreitausend Teilnehmer_innen fanden sich am Donnerstag bei der Pride Parade in Jerusalem ein - bewacht und begleitet von zweitausend Polizist_innen, da mehrere Gegenproteste von ultrakonservativen Gruppen angekündigt waren. Ein Jahr nach dem Anschlag auf ein LGBT-Jugendzentrum in Tel Aviv, bei dem zwei Anwesende getötet und mehrere verletzt worden waren, nahm die Pride Parade iauf dieses Ereignis Bezug und begann mit einer Gedenkminute bei einer Festsitzung im Rathaus der Stadt. Ein leerer Sessel war für den abwesenden Bürgermeister Nir Barket reserviert - als Zeichen des Protestes dafür, dass er es vorgezogen hatte, nicht an den Gay Pride Events teilzunehmen.
Der Vorsitzende der Jerusalemer Meretz Fraktion, Yosef Alalu, der den Vorsitz über die Sitzung führte, sagte, auch wenn die Stadtregierung eine andere sei, sei alles beim alten geblieben und Jerusalem noch immer einer zur lesbisch-schwulen Community unfreundliche Stadt. Die Lage sei ernst, meinte er.
Knesset-Abgeordneter Nitzan Horowitz kritisierte den Jerusalemer Vize-Bürgermeister Yitzhak Pindrus, der aus Protest gegen die Pride Parade eine "Esel-Parade" abhalten wollte und Schwule und Lesben als "Perverse" bezeichnet hatte. Er sei schockiert, dass Menschen wie Pindrus nicht verstehen, was sie mit ihren Worten anrichten, dass sie Haß schüren, der dann zu Gewalttaten wie vor einem führt, fügte Horowitz hinzu und kündigte an, dass er auch in Zukunft zu schwul-lesbischen Veranstaltungen nach Jerusalem kommen werde, weil Jerusalem nicht nur für die lesbisch-schwule Community ein wichtiger Ort sei, sondern für alle, denen Israels Charakter als freier und demokratischer Staat wichtig ist.
Orthodoxe Juden empfanden die Parade gerade in Jerusalem, der heiligen Stadt der jüdischen, aber auch christlichen und mohammedanischen Glaubensgemeinschaften, als Affront und Provokation. Paradenorganisator Yonatan Gher hält dem entgegen, dass die Parade nicht als Provokation gedacht ist, sondern deshalb in Jerusalem stattfinden, weil die Teilnehmer_innen in Jerusalem zu Hause sind und es ebenso ihre Stadt ist. Es gibt kein religiöses Monopol auf die heilige Stadt, betonte Gher.
Israel hat in den letzten 20 Jahren eine rasante Entwicklung hinsichtlich der rechtlichen Gleichstellung von Lesben und Schwulen gemacht. Das Totalverbot wurde erst 1988 abgeschafft und schon vier Jahre später, 1992, wurde ein Gesetz erlassen, das die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung am Arbeitsplatz verbot, 1993 wurde die Diskriminierung von Schwulen und Lesben in der Armee verboten. 1994 gestand der Oberste Gerichtshof Israels dem gleichgeschlechtlichen Partner eines Flugbegleiters die vollen Ehegatten-Rechte zu. Gleichstellung in der Sozialversicherung und einigen anderen Rechtsgebieten folgten. Seit 2008 können gleichgeschlechtliche Paare auch gemeinsam adoptieren. Israel hat noch keine Eingetragene Partnerschaft oder Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, erkennt aber in anderen Ländern geschlossene Ehen an. In Tel Aviv gibt es eine blühende Szene und ein reiches Kulturleben, aber der Tourismusverband von Tel Aviv hat noch größere Pläne und will Tel Aviv zur schwul-lesbischen Welt-Metropole machen.
Links: http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3927063,00.html
http://www1.voanews.com/english/news/middle-east/Gay-Pride-March-in-Jerusalem-Angers-Orthodox-Jews-99576879.html
http://joemygod.blogspot.com/2010/07/jerusalem-ultra-orthodox-protest-but.html (mit Video)
http://www.hagalil.com/archiv/2010/07/29/glbt-5/ Hagalil hat eine Fülle von Fakten und Informationen zur rechtlichen und sozialen Lage von LGBT-Personen in Israel und in den Nachbarländern zusammengestellt.