Los Angeles - Im November 2008 stimmte eine knappe Mehrheit von 52,2 % der Wahlberechtigten in Kalifornien für eine Verfassungsänderung, welche die im Mai desselben Jahres durch höchstgerichtliche Entscheidung erfolgte Öffnung der Ehe wieder verbot. Während alle gespannt auf die Entscheidung des Richters in dem Streit um die Zulässigkeit oder Verfassungswidrigkeit von Proposition 8 warten, hat das auf Meinungsforschung im Spannungsfeld zwischen Religion und Politik spezialisierte Public Religion Reseach Institute (PRRI) 2801 Kalifornier_innen um ihre Ansichten zur Ehe für Lesben und Schwule und zu anderen Fragen der Gleichberechtigung befragt. Das Ergebnis wurde am 22. Juli veröffentlicht.
Eine knappe Mehrheit von 51 % gibt nun an, dass sie für die Öffnung der Ehe stimmen würden, 45 % würden es beim Verbot belassen und 4 % gaben an, es nicht zu wissen. Einmal mehr zeigt sich aber, wie entscheidend die Fragestellung für das Ergebnis sein kann. Eine der Fragen lautete, ob es fair sei, dass Schwule und Lesben in langjährigen Beziehungen nicht heiraten können. 9 % fanden das fair, 44 % unfair und 45 % gaben an, dass es keine Frage von Fairness sei. Wenn sie vorher gefragt wurden, ob die "goldene Regel" angewendet werden soll, stieg die Unterstützung für die Öffnung der Ehe auf 58 %! ("Nearly 6-in‐10 58 %) agree that ‘we should apply the Golden Rule to gay and lesbian couples who are in long-term committed relationships and allow them the same opportunity to get married as everyone else.’")
Sehr große Unterschiede gibt es zwischen den einzelnen Religionsgemeinschaften. Während sich 73 % der sich keiner Religion zugehörig fühlenden Kalifornier_innen für die Öffnung der Ehe sind, variierte die Zustimmung bei den religiösen Menschen zwischen 22 % (Protestantische Latinos) und 57 % (katholische Latinos). Ebenfalls mehr als 50 % Zustimmung gibt es bei den weißen (Mainline) Protestant_iinnen (54 %) und bei weißen Katholik_innen (51 %). Mehrheitlich gegen die Öffnung der Ehe sprechen sich schwarze Protestant_innen (38 %) und weiße evangelikale Protestant_innen (27 %) aus.
Wenn durch die Fragestellung klargestellt wird, dass Religionsgemeinschaften nicht gezwungen werden, gleichgeschlechtliche Trauungen durchzuführen bzw. es nur um die staatliche Ehe geht, die man im Rathaus schließt, steigt die Zustimmung zur Öffnung der Ehe auch bei jenen Kalifornier_innen, die zuvor angegeben hatten, zwar für Civil Unions, aber gegen die Öffnung der Ehe zu sein, um 12 bzw. 19 Prozentpunkte.
Für eine neue Volksabstimmung um die Öffnung der Ehe in Kalifornien dürfte es noch zu früh sein, denn die Erfahrung der Vergangenheit zeigt, dass die bei Meinungsumfragen Unentschlossenen in der Wahlurne meistens gegen die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben gestimmt haben. Dennoch gibt die PRRI-Umfrage interessante Hinweise darauf, auf welche Punkte sich die Werbung für die Gleichstellung in Zukunft konzentrieren sollte. Quelle: PRRI vom 22. Juli 2010
Links: http://www.publicreligion.org/objects/uploads/fck/file/CA%20Survey%20Press%20Release%20FINAL.pdf (Presseaussendung)
http://www.publicreligion.org/objects/uploads/fck/file/CA%20Survey%20Topline%20FINAL.pdf (Die Fragen und Antworten, 17 Seiten)
http://www.publicreligion.org/objects/uploads/fck/file/CA%20Survey%20Report%20FINAL.pdf (Analyse der Ergebnisse, 26 Seiten)
http://www.boxturtlebulletin.com/2010/07/22/24561 (Diskussion über das Umfrageergebnis)
http://de.wikipedia.org/wiki/Goldene_Regel
http://de.wikipedia.org/wiki/Anerkennung_gleichgeschlechtlicher_Partnerschaften_in_den_Vereinigten_Staaten
http://de.wikipedia.org/wiki/Kalifornien#Religionen
http://religions.pewforum.org/pdf/report-religious-landscape-study-full.pdf (Ausführliche Statistik über die Religionszugehörigkeiten in den USA, The PEW Forum, Februar 2008, 210 Seiten)
Autor ist der Soziologe Joseph M. Palacios (Georgetown University)