Monday, 19. July 2010
Über die Wirkung von Worten
Im Zuge einer Anfrage auf der Mailingliste QSTUDY-L erfuhr ich nun, dass das Meinungsforschungsinstitut Gallup 2005 schon ein ähnliches Experiment gemacht hat - mit einem sehr ähnlichen Ergebnis. Damals wurde gefragt, in welchen Berufen Schwule und Lesben bzw. Homosexuelle angestellt werden sollten (Verkäufer/in, Arzt/Ärztin, Militär, Regierungspersonal, Lehrer_in an höherer Schule, Lehrer_in an Grundschule, Geistliche. Durchgehend war die Zustimmung für Schwule und Lesben höher als für Homosexuelle, besonders gross (9 bzw 10 Prozentpunkte) war der Unterschied bei Lehrer_innen.
Ebenfalls 2005 hat der Politologe Daniel R. Pinello unter dem provokanten Titel "Is Supreme Court Justice Antonin Scalia a Homophobe?" eine kurze Arbeit verfasst, in der er den Sprachgebrauch der Höchstrichter_innen der Vereinigten Staaten untersuchte. Er befasste sich dabei mit vier Entscheidungen aus dem Zeitraum 1988 bis 2005: Hurley v. Irish-American Gay, Lesbian and Bisexual Group of Boston (1995), Romer v. Evans (1996), Boy Scouts of America v. Dale (2000), und Lawrence v. Texas (2003). (1988 war Antonin Scalia zum Supreme Court berufen worden.)
In Hurley ging es um das Recht auf Meinungsfreiheit, das es den Veranstaltern der Saint Patrick's Day Parade erlaubte, eine LGBT-Gruppe von der Teilnahme auszuschließen, in Romer wurde eine einzelstaatliche Verfassungsbestimmung, welche Diskriminierungsverbote in Gemeindestatuten untersagte, für bundesverfassungswidrig erkannt, in Dale ging es um das (ebenfalls auf Meinungsfreiheit gegründete) Recht der Pfadfinder, einen schwulen Pfadfinderführer auszuschließen und Lawrence brachte schließlich das Ende aller sogenannten Sodomy laws, also des strafrechtlichen Verbots konsensualer homosexueller Beziehungen unter Erwachsenen.
Pinello zählte in den von den Richter_innen Justices Anthony Kennedy, Sandra Day O’Connor, William Rehnquist, David Souter, John Paul Stevens und Clarence Thomas verfassten Entscheidungsbegründungen (incl. dissenting oder concurring opinions) 149 Mal "homosexual(s)" oder "homosexuality" und 36 Mal "gay and lesbian" oder "lesbian and gay", das heißt, es ergibt sich ein Verhältnis von 149/36 oder 19% der Verwendung der von us-amerikanischen Schwulen und Lesben selbst bevorzugten Formulierung "gay and lesbian"/"lesbian and gay". Antonin Scalia verwendete hingegen in dem von ihm verfassten Begründungen (dissenting opinions in Romer und Lawrence) 109 Mal "homosexual(s)" oder "homosexuality" und nur ein einziges Mal, in einer Fußnote, "gay and lesbian" - wobei Pinello vermutet, dass dieses eine Mal auf Scalias Mitarbeiter zurückgeht, der den Text vorbereitet hat und es Scalia bloß "durchgerutscht" ist.
Links: http://www.queernews.at/archives/1303
http://thecaucus.blogs.nytimes.com/2010/02/11/new-poll-shows-support-for-repeal-of-dont-ask-dont-tell/?hp
http://www.cbsnews.com/8301-503544_162-6198284-503544.html?tag=contentMain%3bcontentBody
http://137.99.31.42/psearch/question_view.cfm?qid=1755515&pid=1&ccid=1 (Die Fragen von Februar 2010)
http://137.99.31.42/psearch/question_view.cfm?qid=1755517&pid=1&ccid=1 (detto)
http://www.gallup.com/poll/16402/Gay-Rights-Attitudes-Mixed-Bag.aspx (Die Gallup-Umfrage von 2005)
http://www.danpinello.com/Scalia.htm Daniel R. Pinello: Is Supreme Court Justice Antonin Scalia a Homophobe?, August 2005)
http://www.jjay.cuny.edu/departments/political_science/people.php
http://www.law.cornell.edu/supct/html/94-749.ZO.html Hurley v. Irish-American Gay, Lesbian & Bisexual Group of Boston (94-749), 515 U.S. 557 (1995)
http://www.law.cornell.edu/supct/html/94-1039.ZS.html Romer, Governor of Colorado, et al. v. Evans et al. (94-1039), 517 U.S. 620 (1996)
http://www.law.cornell.edu/supct/html/99-699.ZS.html BOY SCOUTS OF AMERICA V. DALE (99-699) 530 U.S. 640 (2000) 160 N. J. 562, 734 A. 2d 1196, reversed and remanded
http://www.law.cornell.edu/supct/html/02-102.ZS.html LAWRENCE V. TEXAS (02-102) 539 U.S. 558 (2003) 41 S. W. 3d 349, reversed and remanded


