Mutarotasen sind eine Enzymfamilie, die an der Umwandlung von Zucker in den Zellen beteiligt sind. Wissenschaftler_innen des koreanischen Advanced Institute of Science and Technology in Daejon wollten herausfinden, welche Rolle eines dieser Enzyme - fucose mutarotase oder FucM - genau bei Tieren spielt. Sie züchteten Mäuseweibchen, denen das FucM-Gen fehlt und stellten fest, dass diese Mäuse sich "lesbisch" verhielten.
Die so gezüchteten Weibchen zeigten kein Interesse an männlichen Annäherungsversuchen, schnupperten lieber weibliches als männliches Mäuseurin und bestiegen andere Weibchen. Wenn es trotzdem zu einer Paarung mit einem Männchen kam, waren die FucM-losen Weibchen normal fruchtbar. Die Wissenschaftler_innen stellten bei den genetisch veränderten Weibchen außerdem einen niedrigeren Alpha-Fetoprotein (AFP) Spiegel als bei der Kontrollgruppe fest. Sie machen den AFP-Mangel für das gezeigte Sexualverhalten verantwortlich.
Die Ergebnisse der Studie wurden am 7. Juli im BMC Genetics Online-Journal veröffentlicht und am 9. Juli im New Scientist besprochen. Der konservative us-amerikanische TV-Sender Foxnews fragte gestern prompt: "Wurde das Homo-Gen gefunden?". "Klar. Wenn man ein Mäuseweibchen ist", kommentiert Timothy Kincaid im Box Turtle Bulletin trocken. Bei Menschen ist die sexuelle Orientierung ein wenig komplexer.
Simon LeVay, der schon länger über die Entwicklung der Sexualität und mögliche biologische Grundlagen der sexuellen Orientierung forscht, weist darauf hin, dass die korenische Studie keine direkten Schlüsse auf menschliche Sexualität zulässt. Beim Menschen ist Testosteron für die "Vermännlichung" des Gehirns zuständig und nicht Östrogen, wie bei Mäusen. Außerdem verhindert AFP beim Menschen nicht die Östrogen-Einwirkung auf das Gehirn, wie das bei Mäusen der Fall ist. Er glaubt trotzdem, dass es nur eine Frage von Zeit ist, bis Molekulargenetiker_innen Gene finden, welche die sexuelle Orientierung beim Menschen beeinflussen.
Dongkyu Park, Dongwook Choi, Junghoon Lee, Dae-sik Lim und Chankyu Park (2010): Male-like sexual behavior of female mouse lacking fucose mutarotase. BMC Genetics 2010, 11:62doi:10.1186/1471-2156-11-62.
Dongkyu Park, Kyoung-Seok Ryu, Dongwook Choi, Jaechan Kwak und Chankyu Park (2007): Characterization and role of fucose mutarotase in mammalian cells; Glycobiology 2007 17(9):955-962; doi:10.1093/glycob/cwm066
Links: http://www.biomedcentral.com/1471-2156/11/62 (Abstract, mit Link zum frei zugänglichen Volltext)
http://glycob.oxfordjournals.org/cgi/content/full/17/9/955 (Abstract, mit Link zum frei zugänglichen Volltext)
http://bio.kaist.ac.kr/eng/faculty.htm
http://www.newscientist.com/article/mg20727682.600-gene-switches-sexual-desires-of-female-mice.html
http://www.foxnews.com/scitech/2010/07/15/have-scientists-found-gay-gene/
http://www.boxturtlebulletin.com/2010/07/15/24390
http://www.lesbilicious.co.uk/health/mice-turn-lesbian-after-gene-deletion-scientists-claim/
http://www.scienceinseconds.com/blog/What-a-Knockout
http://de.wikipedia.org/wiki/Fucose
http://de.wikipedia.org/wiki/Simon_LeVay