Dayton, Ohio - Die Polizei sucht nach jenen Vandalen, die in der vergangenen Woche die einzige schwul-lesbische Gedenktafel der Stadt von ihrem Ständer gerissen und zerbrochen haben. Die der Dichterin und Salonière Nathalie Clifford Barney gewidmete Tafel war erst im Oktober 2009 in einem Park in ihrer Geburtsstadt Dayton aufgestellt worden. Am Mittwoch bemerkte ein Bekannter des Leiters des örtlichen LGBT-Centers den Schaden und verständigte John Gantt, der seinerseits dann die Polizei rief.
Für die Polizei steht noch nicht fest, ob es sich um ein Hassverbrechen
handelt, für Gantt ist die Sachlage hingegen klar, da die Täter die
Tafel nicht mitgenommen haben und auch keine andere Gedenktafel in der
Umgebung beschädigt wurde. Das LGBT-Center, das sich gemeinsam mit der
Historischen Gesellschaft von Dayton um eine Erinnerung an die berühmte
lesbische Tochter der Stadt bemüht hatte, hat mit Vandalismus gerechnet
und mit einer Versicherung vorgesorgt, so dass die Tafel bald wieder
aufgestellt werden können wird.
Nathalie Clifford Barney wurde 1876 als Tochter des wohlhabenden Eisenbahnbesitzers Albert Clifford Barney und seiner Frau Alice Pike in Dayton geboren. Wie die meisten höheren Töchter ihrer Zeit wurde sie in ein wenig Allgemeinbildung, Konversation, Kunst und Fremdsprachen ausgebildet und auf die Rolle einer Ehefrau vorbereitet. Als es mit dem Heiraten Ernst wurde, floh sie jedoch nach Paris, um der Enge ihrer Heimat zu entkommen und am inspirierenden intellektuellen und künstlerischen Leben der rive gauche teilzuhaben. Dass sie vermögend war, erleichterte ihr das Unternehmen. Sie führte ab 1909 einen der berühmtesten literarischen Salons von Paris, der bis 1968 bestand.
Mit ihrer "Académie des Femmes," dem weiblichen Pendant zur Männerinstitution der Académie Française, schuf sie vielen jungen Schriftstellerinnen und Künstlerinnen ein Forum, in dem sie ihre Werke öffentlich vorstellen konnten. (fembio) Ihr Lebensziel war, das "sapphische Ideal", eine auf Liebe und kreativem Austausch beruhende Frauengemeinschaft, wiederzubeleben und das scheint ihr auch gelungen zu sein. Zu ihren eigenen Werken gehören einige Gedichtbände und ihre Lebenserinnerungen, ihr wichtigerer Beitrag zur Literatur war aber die Plattform, die sie jungen Literatinnen und auch Literaten schuf. Ihr Leben, ihre Liebschaften und ihr Salon sind in Gedichten, einem Roman und Djuna Barnes satirischem Ladies Almanack verewigt worden. Ein Abschnitt von Greta Schillers Dokumentarfilm Paris was a woman (1996) ist Nathalie Barney gewidmet. *) Nathalie Clifford Barney starb 1972 im Alter von 95 Jahren in Paris.
Foto: John Gantt
Links: http://www.daytondailynews.com/news/crime/vandals-tear-down-ohios-first-gay-historic-marker-804264.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Natalie_Clifford_Barney
http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/natalie-clifford-barney/
http://www.youtube.com/watch?v=jIEjchr3FKg (Ausschnitt aus Paris was a woman)
*) Die DVD ist in der Buchhandlung Löwenherz lagernd. http://www.loewenherz.at