Tallinn - Es war die Heirat der isländischen Ministerpräsidentin Jóhanna Sigurdardóttir, welche in Estland die seit 2008 etwas eingeschlafene Diskussion um die Schaffung eingetragener Partnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare wieder in Gang brachte. Der estnische Premierminister Andrus Ansip erklärte angesichts der Eheschließung seiner isländischen Amtskollegin: "Ich glaube zwar, dass die Ehe zwischen Mann und Frau eine heilige Verbindung ist, aber ich akzeptiere völlig, dass gleichgeschlechtliche zusammenlebende Paare den gleichen sozialen Schutz genießen sollen wie Ehepaare."
Für das alternative Onlinemedium Estonian Free Press war das ein Anlass, sich bei den Schwulen- und Lesbengruppen Estlands danach umzuhören, wie die Realtät im Lande aussieht. Homosexuelle Kontakte sind in Estland seit 1992 nicht mehr verboten, auch die Altersgrenze für hetero- und homosexuelle Kontakte wurde angeglichen und liegt seit 2001 bei 14 Jahren. Die Aktivistin Madle Saluveer, Mitglied der Estonian Gay Youth Association, weist darauf hin, dass es zwar kein gesetzliches Verbot, aber auch kaum gesetzlichen Schutz gibt. "Das Gleichbehandlungsgesetz verbietet die Diskminierung aufgrund der sexuellen Orientierung nur am Arbeitsplatz, nicht aber etwa in der Schule und im sozialen Bereich."
Die Öffnung der Ehe, wie es sie bereits in einigen Ländern Europas gibt, wird in Estland noch lange auf sich warten lassen. Erst Anfang Juli trat eine Ehegesetznovelle in Kraft, welche die Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau definiert und gleichgeschlechtliche Ehen ausdrücklich für nichtig erklärt. Ausländische Paare, die z.B. in Island, Holland oder Spanien geheiratet haben, würden in Estland nicht als verheiratet angerkannt werden, erlärt sie.
Die Aussage von Premierminister Ansip, dass gleichgeschlechtliche Paare sicherlich toleriert würden, denn Estland sei ein tolerantes Land kommentierte sie mit der Anmerkung, dass zwischen tolerant sein und annehmen oder akzeptieren ein großer Unterschied besteht. "Dass Estland ein "tolerantes Land" ist, bedeutet für mich 'wir verbieten eure homosexuellen Beziehungen nicht, wir lassen euch in Ruhe (speziell, wenn ihr sehr still seid und nichts verlangt, was man euch nicht zugesteht)'. Wenn LGBT-Familien rechtlich anerkannt würden, würde das aus Estland ein akzeptierendes und offenes europäisches Land machen."
Madle Sauveer berichtet auch von einem Fall, in dem einem lesbischen Paar die Unterstützung für die Schulfahrten ihrer Kinder und die Mahlzeiten in der Schule verweigert wurden, obwohl diese Unterstützung allen Familien mit drei oder mehr Kindern zusteht. Erst nach einem Gerichtsverfahren erhielten sie Recht. Quelle: Estonian Free Press vom 5. Juli 2010
Links: http://www.estonianfreepress.com/2010/07/estonia-and-homosexuality-between-little-tolerance-and-inclusion/
http://www.google.com/hostednews/ap/article/ALeqM5hSl5aRhJRk0Y00xcnrpK-4eWlz0gD9GMA59G0
http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualit%C3%A4t_in_Estland
http://en.wikipedia.org/wiki/LGBT_rights_in_Estonia