Sunday, 23. May 2010
Georgien in Aufruhr um ein schwules Buch
Orthodoxe Christen demonstrierten und forderten ein Verbot des Buches. Liberale konterten mit einer Demonstration für Redefreiheit. Laut einem Bericht der Moskow Times wurden sie von frommen Aktivisten angegriffen und beschimpft - sie seien anti-christliche Verräter und würden die Homosexualität fördern. Laut einem Augenzeugen der in der Moskow Times zitiert wird, seien Sätze wie "Verschwindet aus diesem Land! Ihr seid keine Georgier! Wir werden euch nicht vergeben, weil ihr die Nation verderbt", gefallen. Auch bei einer Präsentations des Buchs an der Universität von Tiflis kam es zu Tumulten.
Bei eine Studiodiskussion eines TV-Senders in Tiflis kam es zu einem Handgemenge vor laufender Kamera, nachdem einer der konservativen Christen einen Kameramann angegriffen hatte. Die Polizei musste gerufen werden und nahm einige der religiösen Extremisten fest. Sie gehören der Gruppe "Orthodoxe Väter" an, einer konservativen Randgruppe, die nicht mit der orthodoxen Kirche von Georgien identisch ist, die sich aber unter anderem die Aufgabe gestellt hat, den Patriarchen zu beschützen. In ihrem Kampf gegen das umstrittene Buch werden sie von dem konservativen Politiker Zviad Dzidziguri unterstützt, der sich ansonsten als Verteidiger der Demokratie darstellt und sich bei den am 30. Mai stattfindenden Wahlen um den Posten des Bürgermeisters von Tiflis bewirbt. Er forderte, das "gotteslästerliche" Buch ebenso zu verbieten wie "satanische" Halloween Parties und les-bi-schwule Paraden.
Rund drei Viertel der Bevölkerung Georgiens sind orthodoxe Christ_innen. Die orthodoxe Kirche war nicht nur zu Zeiten der Sowjetherrschaft eine moralische Stütze für die Bevölkerung, sondern sie hat sich in den turbulenten Jahren seit dem Zerfall der Sowjet-Union zum einzigen Fixpunkt und rettenden Anker für die von den rasanten Änderungen verunsicherten Menschen entwickelt. Ihr Einfluss ist daher auch abseits konservativer Randgruppen sehr hoch.
Buchautor Irakly Beisadze hat sich inzwischen in ein Dorf zurückgezogen, da er per Telefon, Facebook und E-Mail Drohungen erhalten hatte. Literaturkritiker halten die Aufregung für übertrieben. So sagte Zaza Burchuladze gegenüber der TV-Station RT, das Buch habe das Recht in der B-Kategorie zu existieren, aber nicht mehr. Für den gesellschaftlichen Skandal den es ausgelöst hat, müsste es zumindest von jemandem mit dem Kaliber eines Salman Rushdie geschrieben sein. Der Skandal hat aber zumindest dazu geführt, dass die erste Auflage binnen weniger Tage ausverkauft war. Eine zweite wird demnächst gedruckt werden.
Links: http://www.themoscowtimes.com/opinion/article/holy-crap-heresy-and-fistfights-in-tbilisi/405653.html
http://rt.com/Top_News/2010-05-18/georgia-book-scandal.html
http://joemygod.blogspot.com/2010/05/tbilisi-gay-book-controversy-roils.html
http://volokh.com/2010/05/18/another-call-for-governmental-suppression-of-speech-offensive-to-religious-sensibilities/
http://theorthodoxchurch.info/blog/news/2010/05/book-on-homosexual-love-causes-scandal-in-georgia/ (Ein offenbar privat betriebener Nachrichtenblog ohne Impressum)
http://www.geotimes.ge/index.php?m=home&newsid=21619 Wenn es sich nicht um eine zufällige Namensgleicheit handelt, ist der Eigenümer von Geotimes der Anführer der Orthodox Fathers, Malkhaz Gulashvili.


