Um ja nicht in die Lage kommen zu können, dass sie gleichgeschlechtlichen Ehepartner_innen irgendwelche Vergüngstigungen gewähren müssen, haben die von der römisch-katholischen Kirche betriebenen Wohlfahrtseinrichtungen in Washington freiwillige Sozialleistungen für Ehepaare ab sofort generell gestrichen. Es geht dabei vor allem um die Möglichkeit, den Partner oder die Partnerin zu günstigen Bedingungen in die Krankenversicherung einzubeziehen, was angesichts des Fehlens einer allgemeinen Krankenversicherung und den hohen Behandlungskosten in den USA durchaus massive Auswirkungen auf die Finanzlage der betroffenen Familien haben kann.
Die römisch-katholische Kirche betreibt unter der Firma Catholic Charities in Washington D.C. einige karitative Einrichtungen, darunter Obdachlosenheime, Essensausspeisungen und Einrichtungen für Kinder und Jugendliche. Sie erhält für diese Leistungen von der Stadt jährlich 22 Millionen Dollar, ist aber im Gegenzug dazu verpflichtet, Diskriminierungen sowohl gegenüber ihren Arbeitnehmer_innen als auch gegenüber Personen, die ihre Dienste in Anspruch nehmen, zu vermeiden.
Bereits kurz nachdem der Beschluss für die Öffnung der Ehe bekannt wurde, hat Catholic Charities in Washington die bisher von ihr organisierte Betreuung von 35 Pflegefamilien mit 43 Kindern einer anderen Organisation übergeben, um nicht in die Situation zu kommen, dass sie einem schwulen oder lesbischen Paar ein Pflegekind anvertrauen müsste. Nun streicht sie auch die Sozialleistungen für ihre verheirateten Mitarbeiter_innen. Einem Memo zufolge, das diese in den letzten Tagen erhielten, gilt die neue Regelung für allen neu eingestellten Mitarbeiter_innen und für all jene Mitarbeiter_innen, die bisher noch keine Sozialleistungen für den Ehepartner oder die Ehepartnerin bezogen. Wer bisher schon mitversichert war, bleibt dies.
Laut Washington Post beschäftigt Catholic Charities in Washington D.C. und in Teilen des benachbarten Maryland ca. 800 Mitarbeiter_innen, von denen ca. 100 Sozialleistungen für ihre Ehepartner_innen in Anspruch nehmen. Die Anzahl der von der Neuregelung betroffenen ist also nicht riesig, aber die Optik ist dennoch schlecht und der bisher gute Ruf den die katholische Kirche hinsichtlich freiwilliger Leistungen für Arbeitnehmer_innen hatte, ist durch diese Streichung wohl massiv beschädigt.
Ein Leser hat mich auf ein Interview mit der Philosophin Martha C. Nussbaum aufmerksam gemacht, in dem sie anspricht, dass mache Kreise wohl lieber die Ehe ganz abschaffen würden, als sie für Schwule und Lesben zu öffnen.
Links: http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/03/01/AR2010030103345.html?wprss=rss_metro/dc
http://www.washingtoncitypaper.com/blogs/sexist/2010/03/01/to-avoid-funding-gay-marrieds-catholic-charities-denies-benefits-to-all-spouses/
http://www.boxturtlebulletin.com/2010/03/02/20703
http://www.thenation.com/doc/20100315/smallwood (Interview mit Martha C. Nussbaum)
PS: Ein Leser des Box Turtle Bulletin weist darauf hin, dass bisher nur die römisch-katholische Kirche in Washington zu so extremen Maßnahmen gegriffen hat, um die (auch indirekte) Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen zu vermeiden. In San Francisco fand man eine Lösung, die jeden Hinweis auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften vermeidt und dennoch weder diskriminiert noch jemandem Rechte wegnimmt: Anstatt des Ehepartners oder der Ehepartnerin kann dort nun "eine zweite im Haushalt lebende erwachsenen Person" als BegünstigeR angegeben werden.