Tuesday, 23. February 2010
Homophobie und Sexismus der ORF-Sportredaktion
Am 18. Februar 2010 strahlte der ORF in seinem Olympia-Magazin (ca. 18:45, ORF 1) einen unsäglichen, "belustigenden" Beitrag im Rahmen der allgemeinen Vorberichterstattung mit Magazin-Charakter (nicht im "Society"-Magazin Chili von Dominik Heinzl!) aus - und zwar über Frauen als Teilnehmerinnen bei den olympischen Winterspielen in Vancouver.
Es ist mir (als einfachem TV-Konsumenten) leider nicht möglich, den genauen Wortlaut all jener Passagen zu zitieren, die ich nichtsdestoweniger aufs Schärfste kritisieren möchte.
Nun, in diesem Beitrag wurde über Spitzensportlerinnen - darunter drei mehr oder weniger offen lesbische/bisexuelle Frauen - in Vancouver "berichtet" (wenngleich sie nicht wörtlich als "lesbisch" bezeichnet wurden, so ging dies aber meiner Wahrnehmung nach implizit aus dem Kommentar hervor). Es handelt sich dabei - wenn ich es richtig erkannt habe, und davon gehe ich (als ausgesprochener Experte, mit Verlaub) mit 90%-iger Wahrscheinlichkeit aus - um die Snowboarderin Kelly Clark (USA), die Skeletoni Kerstin Szymkowiak (BRD) und die Einsschnellläuferin Ireen Wüst (NED).
In dem Beitrag war aus meiner Sicht eindeutig in unglaublich sexistischer und mehr als "schlüpfriger" Weise unter anderem davon die Rede (Tenor bzw. teilweise direkt so formuliert), dass diese Frauen "von Männern nicht zu unterscheiden" seien, es wurden die angeblich "fragwürdigen 'weiblichen' Reize" [in machohaft-fragendem Tonfall] angesprochen, und es wurde bemerkt, dass die gezeigten Frauen "SO sicher nicht auf das andere Geschlecht aufmerksam machen dürften" [!] - während man/frau mehrere stärker gebaute bzw. beleibtere [!] Rodlerinnen herumgehen sah, was in dieser Sportart naturgemäß der Fall ist bzw. was deren physische Anforderungen mehr oder weniger mit sich bringen. Im Hintergrund des Beitrags wurde ununterbrochen der Song "Je t'aime" (der alte, weltbekannte Hit von Jane Birkin & Serge Gainsbourg) eingespielt, wo ja nahezu permanent gestöhnt wird. Weiters wird gezeigt bzw. behauptet, dass eine Snowboarderin angeblich (beim Jubeln!) furchtbar falsch gesungen habe und dass dies (sinngemäß) auch nicht gerade passend für eine Frau sei.
Außerdem wird eine Szene eingespielt, in der am Vorabend bzw. in der Nacht (17-18/02/2010, MEZ) im ORF-Studio in Vancouver der Reporter Ernst Hausleitner die überraschende zweifache Silbermedaillen- Gewinnerin (Abfahrt, Kombination) Julia Mancuso (USA) interviewt wurde. Dabei (ich habe den ganzen Beitrag gesehen) wurde die US-Sportlerin nach lediglich einer einzigen sportjournalistisch relevanten Frage lang und breit über ihr Aussehen (sie wurde vor einigen Tagen von Sportjournalisten zur "most sexiest" Sportlerin [oder so ähnlich] in Vancouver gewählt) ausgefragt, sowie über ihre Dessous-Kollektion, die sie nebenberuflich vermarktet, äußerst machistisch parliert. Das ging so weit, dass der Herr Hausleitner Frau Mancuso auf peinlichste Weise wiederholt [!] fragte, ob sie denn "heute selbst auch ein Dessous ihrer Kollektion" trage, bis er sie schließlich nahezu dazu "nötigte" (praktisch offen aufforderte), ein Stückchen ihres Slips herzuzeigen [!], was diese dann - derart gedrängt! - auch tat. Daraufhin begehrte er (unverkennbar sichtbar "enthemmt") mit einem dämlichen, breiten Grinsen von der interviewten Sportlerin, sie möge doch "beim nächsten Mal noch ein bisschen mehr herzeigen" ... Dieser fragwürdige "journalistische Triumph" ging danach noch in zahlreichen Bemerkungen weiter (sinngemäß: Er könne sich jetzt kaum mehr konzentrieren, es sei ihm nun ganz anders usw.). All dies wurde dann in dem oben von mir erwähnten sexistischen Beitrag (18/02/2010) quasi prolongiert (lüsterne-neidische Bemerkungen seines Kollegen, Rainer Pariasek, er [Hausleitner] sei ja bekanntlich "DER Experte in Sachen Frauen hier" - unter gegenseitigem bestätigendem Gelächter ...) und dieses "Thema" setzte sich in - wohl als locker-humorvolle Berichterstattung "gedacht" - den folgenden Tagen (u. a. im Interview mit der US-Goldmedaillengewinnerin Lindsey Vonn usw.) fort.
Man/freu stelle sich nur vor, eine solche "Berichterstattung" bezöge sich auf
a) Männer (das gäbe es wohl nie und nimmer in dieser Art!),
b) Heterosexuelle und/oder Frauen, die den gängigen Schönheitsidealen entsprechen (siehe die eindeutig negativ konnotierten "Sager" über Frauen bzw. [implizit] Lesben, s.o.) oder käme
c) in einer anderen ORF-Redaktion (nicht einmal "Seitenblicke" oder "Chili" machen das SO!) oder
d) bei einem anderen öffentlich-rechtlichen Sender (sowas gibt's NIE bei ARD/ZDF!) vor!
Die TV-Sportredaktion des ORF ist ja seit Jahren - zumindest meiner Einschätzung nach - für ihre
immer wieder unglaublich sexistischen und homophoben Beiträge und Kommentare bzw. Kommentatoren bekannt, wie ich dies ja bereits anlässlich der olympischen Sommerspiele in Athen hinlänglich anhand zahlreicher Beispiele untermauert habe. Am Schlimmsten nehme ich dabei Rainer Pariasek wahr, sowie nun auch Ernst Hausleitner und Andreas Du-Rieux (ich weiß nicht sicher, ob dieser noch beim ORF-Sport ist, zumindest aber auf TW1!), sowie - bis zu seinem Ausscheiden aus dem ORF (2009) - jahrzehntelang ganz besonders auch Heinz Prüller. Es gibt zum Glück aber auch positive, rühmliche Ausnahmen wie Christopher D. Ryan (ganz besonders!), Michael Roscher und Peter Brunner, zum Teil auch Oliver Polzer, Boris Jirka und Thomas König, die sich solche "faux pas" nicht "leisten" bzw. eine andere (Werte-) Haltung in ihrem journalistischen Wirken an den Tag legen.
Nun, wer weiß, was Homophobie ist (gerade auch, wenn die Homosexualität nicht direkt/wörtlich
benannt/ausgesprochen wird) und was Sexismus bedeutet (also eine bewusste Reduktion auf ein Geschlecht bzw. auf dessen ihm zugeschriebene Rolle, was nicht automatisch mit Frauenfeindlichkeit gleichzusetzen ist
[wenngleich sich dieser freilich zumeist AUCH so äußert!], und schon gar nicht zu verwechseln ist mit der -
nicht ein Geschlecht auf dieses reduzierenden - Darstellung/Erwähnung von Inhalten mit Bezugnahme auf
Sexualität!), gleichzeitig ein/e kritische/r, aufgeklärte/r, engagierte/r Medienkonsument/in,
GIS-Gebührenzahlende/r und eben auch leidenschaftlicher TV-Sport-Fan ist, der/die kann i.m.h.o. nicht umhin,
diesen widerlichen, auch unfairen und obszönen ("ob scenas" [lat.]: ~ "weg von der Bühne"!) Un-Geist der
ORF-TV-Sportredaktion anzuprangern und Maßnahmen (Auseinandersetzung, Sensibilisierung, Aufklärung, jedoch mitunter auch personalrechtliche Verwarnungen und allenfalls - zumindest symbolische - Verurteilungen) zu fordern! Dazu fühle ich mich - gerade auch als (bisexueller) Mann! - aufgerufen, weswegen ich meinen ohnehin längst aufgestauten Unmut darob hiermit wieder einmal kundtun muss!
Text: Johannes Albrecht Geist http://www.nexttext.at Kontakt: office(at)nexttext.at
Anmerkung: Als Zitate gekennzeichnete Textteile wurden vom Autor unmittelbar während der Ausstrahlung nach bestem Wissen mitgeschrieben.
Das sexistische und unprofessionelle Verhalten "unserer" Sportredakteuere in Vancouver ist auch Martin Blumenau aufgefallen http://fm4.orf.at/stories/1639795/.


